DIE ERFOLGREICHE FRAU

Schwarze Komödie für eine Frau

Welche Frau wäre nicht gerne wie Nina Wittgenstein? Attraktiv, intelligent, sozial engagiert; hingebungsvolle Mutter, glückliche Ehefrau, erfolgreich in Geschäft und Politik- mehr als genug Gründe, ihr den jährlichen Preis „Die erfolgreiche Frau“ zu verleihen. Ein Wermutstropfen stört jedoch die Preisverleihung: Wer immer Nina im Weg steht, verschwindet aus unerfindlichen Gründen. So stellt sich bald die Frage, ob sie möglicherweise die eine oder andere Leiche im Keller hat. Und das nicht nur im übertragenen Sinne...

Zu beziehen ist "Die erfolgreiche Frau" über den Cantus Verlag, Eschbach

LESEPROBE

Nina hat die Bühne betreten, gekleidet in eine atemberaubende Abendrobe. Dem anwesenden Publikum erklärt sie, wer der wahre Feind jeder Frau ist: Alle anderen Frauen. Ständig beobachtet man sich gegenseitig, jeder Fehlgriff im Styling könnte der entscheidene Fehler sein, der in den gesellschaftlichen Ruin führt. Jede Situation zählt. Auch - und vor allem - der morgendliche Gang zum Kindergarten.

NINA
Wissen Sie, wenn Sie zwei Kinder zur Welt gebracht haben, laufen Sie Gefahr, sich ein bisschen gehen zu lassen. Ja, sogar ich. Man ist völlig gefangen in einem Kosmos von Babywäsche, Windeln wechseln und Brust geben. Und dann, nach vier Jahren der Isolation ist eines Tages ist der große Tag da. Sie bringen das erste Mal ihr Kind zum Kindergarten.
Und stellen fest, dass es da draußen noch eine andere Welt gibt.
Mit anderen Müttern.
Und Annika.
Ich war kaum aus dem Auto gestiegen, da erblickte ich vor der Kindergartentür die lange Parade von Müttern. Alle gut angezogen. Alle einen Latte to go-Becher in der Hand. Alle Blicke auf mich. Da stand ich.
Die Neue. Die Unbekannte. Das Opfer. In einer Jogginghose. Einer verwaschenen, kotzgrünen Jogginghose. Nur schnell mal angezogen, um die Kleine zum Kindergarten zu bringen. Meine Damen, so tödliche taktische Fehler begeht man nur als junger Mutter.
Und im Zentrum des Pulks stand sie. Annika. Die unangefochtene Herrin des Latte to go Clubs. Wer vor dem Kindergarten bestehen wollte, musste vor ihr bestehen.
Strahlend kam sie auf mich zu. „Hallo! Du musst die Neue sein. Ich bin Annika. Ist das deine Kleine? Wie süß! Ist ja auch viel gesünder, wenn sie ein bisschen mehr auf den Rippen hat.“ Ich wollte Lea instinktiv wie einen Schutzschild vor mich halten, aber da hatten sie sie mir schon aus der Hand gerissen und in die Frau-Holle-Gruppe gebracht. Da stand ich allein inmitten all dieser fremden Frauen. In meiner Jogginghose. Mit einem eindeutigem Fleck auf dem rechten Oberschenkel, weil mein kleiner Lukas sich seinen Milchbrei noch einmal hatte durch den Kopf gehen lassen.
Und in das betretene Schweigen der Latte to go Mütter, sagte Annika mit leiser, betroffener Stimme: „Tja. Musste schnell gehen heute morgen, was?“
Eine wahre Meisterin braucht keine großen Worte. Jeder Morgen vor dem Kindergarten wurde zum Spießrutenlauf. Und Annika führte ihn an. Ein Satz reichte aus, und mein Stylingkonzept wurde in den Boden gerammt.
Ich schminkte mich. „Hast du gleich ein Date?“
Ich schminkte mich nicht. „Oh, hast du schlecht geschlafen?“
Ich zog mich formal an. „Musst du zu einer Beerdigung?“
Ich zog mich leger an. „Renoviert ihr?“
Annika war grausam, eloquent und komplett unmoralisch. Gott, was habe ich sie bewundert! Von keiner Frau habe ich im Umgang mit Frauen mehr gelernt als von ihr. Es war eine harte Schule, aber sie hat sich bewährt. Annika hätte es weit bringen können. Doch, tragischerweise wurde sie eines Morgens beim Nordic Walking überfahren.
Zehnmal.
Selbst von ihren Laufstöcken blieb nur noch Sägemehl übrig. Jemand musste sie leidenschaftlich gehasst haben.
Behalten wir Sie in der Erinnerung als das große Vorbild das sie war.