MILTON'S PLACE

Als das junge Ehepaar Sarah und Jake mit einer Reifenpanne im Nirgendwo liegenbleibt, hoffen sie in der nahegelegenen Kneipe „Milton's Place“ Hilfe zu finden. Doch die geheimnisvolle Wirtin Airen und ihre sonderbaren Gästen führen die beiden auf eine traumartige Reise durch die eigene Vergangenheit. Am Ende stellen sich zwei Fragen: Wie weit darf man gehen, um glücklich zu werden? Und wann muss man dafür zahlen?

Zu beziehen ist "Milton's Place" über den Cantus Verlag, Eschbach

LESEPROBE

Jake und Sarah haben sich gestritten, Sarah hat den Raum verlassen. Jake bleibt allein mit Airen, der Wirtin des "Milton's Place" zurück.

Airen holt eine Flasche heraus und beginnt Jake etwas einzuschenken. Jake mustert
währenddessen das Flaschenangebot auf dem Tresen
.

JAKE
Sagen Sie, Ihr Angebot an alkoholfreien Getränken ist nicht unbedingt groß.

AIREN
Nein.

JAKE
Der richtige Begriff wäre wohl nicht vorhanden.

AIREN
Hier verlangt kaum jemand danach. Und wirklich wollen tut es sowieso niemand.
Möchten Sie vielleicht?

JAKE zögert kurz
Nein.

AIREN
Na also. Ein Glas Saft ist gepresste Langeweile, ein Glas Milch ein wenig
Mundgeruch. Aber ein guter Whisky (sie reicht ihm das Glas) der lässt Sie an seiner
Geschichte teilhaben. Er wärmt Sie wie eine Mutter. Und wenn Sie es wollen,
schenkt er Ihnen für eine Zeitlang Vergessen. (Jake starrt auf das Glas.) Natürlich
nur, wenn Sie das auch wünschen. (Jake kippt das Glas in einem Zug herunter,
Airen nickt bestätigt.).
Die meisten tun das. Vergessen ist eine großartige
menschliche Gabe. Vielleicht sogar die beste. Manche sagen, das sei die Liebe, aber
Liebe wird in meinen Augen entsetzlich überbewertet.

JAKE
Finden Sie?

AIREN
Aber ja. Liebe, das ist gleichzeitig Herrin und Religion der Masochisten. Ein Leben
lang folgen die Menschen dem Diktat der Liebe, suchen verzweifelt, sehnend,
weinend, aber immer hoffend den einen perfekten Menschen, der es wert ist ihr
kostbares Herz als Geschenk zu erhalten.
Eine Suche ohne Ziel. Sinnlos, vergeudete Zeit. Denn glauben Sie mir, Jake, wenn
ich etwas in meinem Beruf gelernt habe, dann ist es, dass es den perfekten
Menschen nicht gibt. Es gibt ihn einfach nicht. Die Liebe aber sagt, dass es den
perfekten Menschen geben muss. Den Seelenpartner. Aber die Liebe lügt.
Und dann wird es teuflisch! Diese armen, enttäuschten Menschen stülpen all ihre
Hoffnungen, Wünsche und Träume irgendeinem armen Verlierer über, der zufällig
gerade ihren Weg kreuzt und beschließen, dass sie nun den perfekten Menschen
gefunden haben. Unbarmherzig hetzen sie ihn, zwingen ihn, mehr und mehr zu dem
Menschen zu werden, den sie sich erträumt haben, formen ihn, pressen ihn,
schleifen ihn, sie lassen ihn kaltherzig schwitzen, bluten, wimmern, betteln, aber
umsonst, denn sie kennen nun keine Gnade mehr. Warum auch? Sie sind doch die
Guten, denn sie wollen Glück, sie wollen Liebe, sie haben es sich verdient, endlich
den perfekten Menschen an ihrer Seite zu haben. Und selbst wenn sie ihn mit der
Peitsche in der Hand formen müssen, sie werden nicht aufgeben, niemals geben sie
auf, sie machen weiter und weiter und weiter.
Ja, das ist Liebe. Und dann? Am Ende liegen beide zerschmettert am Boden, das
glückliche Paar, mitten in all ihren enttäuschten Hoffnungen. Wenn ich jetzt darüber
nachdenke, macht es mich fast ein wenig traurig.
Und was ist dann ihr größter Wunsch, nachdem der Traum von der Liebe wie ein
hübscher großer Kinderballon geplatzt ist und nun wie ein Stück ranziges Fleisch
faulend vor ihren Füßen liegt? Vergessen. (Langsam und nachdenklich.) Sie
möchten einfach nur vergessen.

Stille. Jake ist unangenehm berührt und etwas verstört.

JAKE dreht sich mit dem leeren Glas in der Hand zu Airen um
Ich…

AIREN hält bereits ein volles Glas in der Hand
Bitte.