PANOPTIKUM

Das viktorianische London. Düstere Träume plagen die Journalistin Carlotta Adams seit Wochen. Eines Abends bricht sie in der Oper bewusstlos zusammen. Die Ursache: Eine Dosis Rauschgift in ihrem Sekt. Gemeinsam mit ihren Freunden Sherlock Holmes, der Psychoananalytikerin Anna Freud und dem Komponisten Mozart macht sie sich auf die Suche nach den Schuldigen.
Doch je näher sie der Lösung des Geheimnisses kommt, umso mehr verwischen die Grenzen von Traum und Realität, bis schließlich ihre eigene Welt zu zersplittern droht...

LESEPROBE

Szene 3
In Carlottas Wohnung. Soeben haben Carlotta und Anna von Holmes erfahren, dass jemand Carlotta am vergangenen Tag heimlich eine Droge in den Sekt geschüttet hat. Holmes ist gegangen, um nach weiteren Anhaltspunkten zu suchen. Carlotta kann die Geschichte nicht so recht glauben.

CARLOTTA
Der Nebel liegt wieder über der Stadt. Man kann kaum den Fluss von hier sehen. (Sie macht das Fenster auf und lauscht.) Aber man kann ihn hören. Gerade noch. Alle Geräusche klingen so gedämpft. Als wäre die Welt in Watte gehüllt.

ANNA nimmt sich etwas zu trinken
Ist es nicht merkwürdig, wie schnell sich die Stadt verwandeln kann? Bei Sonnenschein liegen dir die Straßen zu Füßen, als würden sie nur darauf warten, dass du vor die Tür trittst und drauflos läufst. Ist frischer Schnee gefallen, möchtest du am liebsten keinen Fuß auf die weiße Decke setzen, weil alles so sauber und unberührt wirkt. Aber Nebel...

CARLOTTA leicht und etwas verträumt
Ich denke oft an Monster.

ANNA hält inne
Monster? Was soll das heißen?

CARLOTTA
Ich stelle mir vor, dass es viele Welten gibt. Sie liegen beieinander, jede einzelne ganz eng an die nächste geschmiegt und trotzdem jede für sich. Aber im Nebel werden die Grenzen brüchig. Man kann von einer Welt in die nächste gleiten. Man überquert die Grenzen. Und du weißt nicht, wen du dort triffst. Was du dort triffst. Denn was immer du findest, könnte gefährlich sein. Ein Monster. Es weiß nicht, dass du im Nebel bist. Aber wenn es dich findet, will es dich töten. Oder es frisst dich auf. Und wer weiß? Vielleicht bist du selbst das Monster. Du triffst auf etwas, dass dich fürchtet. Etwas, das du töten willst. Etwas, das du auffressen willst. Denn wer sieht dich schon? Schließlich bist du im Nebel. Niemand kann dich sehen. Nur die Monster.

ANNA
Macht uns der Nebel etwas depressiv?

CARLOTTA schaut sich lächelnd um
Ja.

ANNA schüttet ein zweites Glas ein
Mein Vater hielt viel von Alkohol. Er sagte immer: „Anna, auf die Psychoanalyse kannst du vertrauen. Und wenn du nicht mehr auf die Psychoanalyse vertrauen kannst, dann vertrau auf den Alkohol.“

CARLOTTA holt das Glas und geht danach wieder zum Fenster
Ein weiser Mann, dein Vater.


ANNA
Oh ja.